KÖNIG FRIEDRICH I — "Pflanzt hier Maulbeerbäume an!"
FRÜHE ANSIEDLUNGEN

Erste Ansiedlungen in diesem Gebiet entstanden, lange bevor das Hansaviertel angelegt wurde, an den Rändern der feuchten Wiesen. Damit begann eine Entwicklung, die dann im 19. Jahrhundert zur Umbauung der Tiergartenlandschaft und zur Erweiterung der bis dahin am Brandenburger Tor endenden Stadt nach Westen hin führte.
Im Jahre 1717 übergab König Friedrich I. Land an französische Glaubensflüchtlinge mit der Auflage, hier Maulbeerbäume anzupflanzen. Es handelte sich um Grundstücke im Nordosten der Wiesenlandschaft. Die Plantagen brachten jedoch wenig Erfolg. - So erwarb im Jahre 1743 Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Baumeister Friedrichs II., diesen Grund und baute sich hier ein Sommerhaus. Nach seinem Tode wechselte das Gelände mehrmals den Eigentümer. Schließlich entstand in Knobelsdorffs einstigem Sommergarten das Schloß Bellevue. Bauherr war Prinz August Ferdinand von Preußen, jüngster Bruder Friedrichs II. Das von Boumann d.J. erbaute und im Jahre 1786 fertiggestellte Schloß zeigt frühklassizistische Formen. Es ist das bedeutendste Gebäude im Tiergartenbereich. Nach schwerer Beschädigung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau wurde es Dienstsitz des Bundespräsidenten.
Im Nordwesten des Wiesengeländes entstanden seit dem frühen 18. Jahrhundert Mühlen, um 1765 dann die damals bedeutende Kattun-Manufaktur des Schutzjuden Isaac Benjamin Wulff. Ein Teil dieses Geländes ging später an die Königliche Fayence-Fabrik (nachmals KPM), das restliche Grundstück an den Bankier Schickler und schließlich, etwa um 1830, an den Hoflieferanten und Bankier Johann Gottfried Siegmund (1792 - 1865), der hier ein Sommerhaus errichtete. Die heutige Straße Siegmundshof erinnert an die damalige umfangreiche Liegenschaft.
Eine Kostbarkeit unter den frühen Ansiedlungen vor Entstehen des Hansaviertels war seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Villa Finkenherd, erbaut nach Entwürfen von Schinkel, auf einem ca. 40.00o qm großen Grundstück westlich der heutigen Kaiser Friedrich-Gedächtniskirche. Bauherr war der Chirurg Carl Ferdinand von Graefe (1787 - 1840), Geheimer Rat, Professor an der Berliner Universität und Königlicher Generalstabsarzt. Eine Tafel an der Stelle des einstigen Sommerhauses erinnert daran, daß hier der berühmte Augenarzt Albrecht von Graefe (1828 - 1870) geboren wurde.
Im Jahre 1864 erbaute der noch junge Architekt Hermann Ende ein Landhaus für sich und seine Familie nahe dem Graefeschen Grundstück, "ein Cottage mit steilen Dächern, reich geschnitzten Giebeln und Rundturm ..." Es stand nicht einmal dreißig Jahre. Die Wogen der Gründerzeit nach 1871, auf denen Ende bald von Erfolg zu Erfolg getragen wurde, führten zum Bau der Stadtbahn-Trasse und infolge zum Abriß des Landhauses im Jahr 1892. Zu dieser Zeit war auf den Schöneberger Wiesen bereits kräftig gebaut worden.

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