Gebäude 17

Architekt: Professor Franz Schuster, Wien
2geschossiges Mehrfamilienhaus
Hanseatenweg 6, "Zeilen"-Hochhaus

Das zweigeschossige Haus mit je zwei Wohnungen je Stockwerk sollte im Nordosten des Hansaviertels am Rande des Tiergartens gebaut werden. Die Planung war:

Es ist 26 m lang, 10 m breit und 7 m hoch, der umbaute Raum beläuft sich auf 2325 cbm. Die Wohnungen haben eine Grundfläche von je 99 qm, die sich von Süden nach Norden durch das ganze Haus ziehenden Wohnräume mit einer Essnische sind 52 qm groß.

Die vier Vierzimmerwohnungen ähneln sich zwar im Prinzip, gestatten aber eine Anpassung an individuelle Bedürfnisse der Bewohner. Der fast quadratische Eingangsflur ist betont groß. Eine breite Glastür mit seitlichem Fenster gibt den Blick in den Wohnraum frei. An den Flur werden ein zweites WC, ein Abstellraum und die Küche angeschlossen. Die Küchen sind in allen Wohnungen unterschiedlich. Die eine hat als Arbeitsküche eine Durchreiche zur Essnische, eine andere ist durch eine Tür mit dem Essplatz verbunden. Die dritte Küche wird mit einem Sitzplatz als „Essküche“ eingerichtet und die vierte schließlich ähnelt einer zur Essnische hin offenen „Barküche“. Neben der mit platz- und arbeitsparenden Einbaumöbeln ausgestatteten Küche liegt eine Speisekammer. Vom Küchenfenster aus ist der Hauseingang zu übersehen, der mit der Wohnung durch eine Sprechanlage verbunden ist.
Der Wohnraum mit der Essnische wird so angeordnet, dass er als zentraler Aufenthaltsort der Familie unterschiedlich genutzt werden kann.

Der Elternschlafraum, ein Kinderzimmer sowie Bad und WC liegen an einem vom Wohnzimmer aus zugänglichen Schlafzimmerflur.

Das zweite Kinderzimmer, am Eingangsflur, kann auch als Arbeits- oder Besuchszimmer genutzt werden. Der Grundriss bietet außerdem die Möglichkeit, die an der Mittelwand liegenden beiden Räume unter Hinzuziehung der Abstellräume zu einer kleinen Wohnung umzubauen, die direkten Zugang vom Treppenhaus hat. Hier kann auch ein Büro oder eine Praxis eingerichtet werden. Die Erdgeschosswohnungen haben eine überdeckte Terrasse; die gegen Wind und Einblick geschützten Balkone des Obergeschosses sind groß genug, um darauf mehrere Liegestühle aufstellen zu können.
lm Keller liegen Waschküche und Trockenraum sowie Abstellräume. An dem in die Gestaltung des Erdgeschosseingangs einbezogenen Flur liegt ein 40 qm großes Gartenzimmer, das allen Mietern, besonders aber den Kindern als Spielplatz zur Verfügung steht. In einem Anbau östlich des Gebäudes sind drei Garagen vorgesehen. Die Außenmauern aus Hohlblockmauerwerk sind 50 und 24 cm, die belasteten Innenwände 24 cm dick. Leichte Trennwände werden aus Ziegelsplittplatten errichtet.

Statik: Dipl.-Ing. W. Neumann (Berlin)
Örtliche Bauleitung: Dipl.-Ing. W. Neumann (Berlin)
Gartengestaltung: Professor W. Hübotter (Hannover-Kirchrode),
Professor C. Th. Sörensen (Dänemark)

FRANZ SCHUSTER
Franz Schuster (* 26. Dezember 1892 in Wien; † 24. Juli 1972) war österreichischer Architekt und Möbeldesigner.
Schuster studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule zunächst bei Oskar Strnad, dann bei Heinrich Tessenow und graduierte 1919. Er wurde später Tessenows Assistent und übersiedelte 1919 an die Handwerkergemeinde in Dresden-Hellerau. Er arbeitete anschließend für Tessenow an der an der Siedlung in Pössneck (1920-1921) und der Gartenstadt Hellerau (1921-1922). Seit 1922 war er selbstständiger Architekt in Hellerau. Von 1923 bis 1925 war er Chefarchitekt des Österreichischen Verbands für Siedlungs- und Kleingartenwesen in Wien.
Stark beeinflusst durch Tessenow entwarf er 1924 zusammen mit Franz Schacherl, die Schutzbund-Siedlung in Knittelfeld (Steiermark). Die Eigenheimkolonie Am Wasserturm in Wien entstand 1923-1924 im so genannten Heimatstil, mit 190 kleinen zweigeschossigen Häusern verschiedener Haustypen mit bis ins kleinste Detail durchdachten Wohnabläufen. Da er selbst in der Siedlung lebte, entwarf er auch für kleine Häuser passende Möbel.
Ab 1925 begann seine selbstständige Tätigkeit und die Zusammenarbeit mit Franz Schacherl für das Siedlungsamt der Gemeinde Wien. Sie entwarfen 1929-1931 einen Montessori-Kindergarten, mit kubenförmigen Klassenzimmern, die an einen zentralen Raum angegliedert wurden. Für das kommunale Wohnbauprogramm des "Roten Wien" entstand 1926-1927 der Karl-Volkert-Hof, ein Gemeindebau mit zwei Innenhöfen und 233 Wohnungen.
Ebenenfalls mit Schacherl gründete er die Architekturzeitschrift Der Aufbau - Österreichische Monatshefte für Siedlung und Städtebau, die einen Impuls in Richtung Gartenstadt geben wollte. 1925-1927 war Schuster Lehrer an der keramischen Fachschule Wienerberg und seit 1926 bis 1927 Lehrer für Baukonstruktion an der Wiener Kunstgewerbeschule.
1927 siedelte Schuster nach Frankfurt am Main über, wo er bis 1936 als freischaffender Architekt arbeitete. Von 1928 bis 1933 war er an der Städelschule Leiter der Fachklasse für Wohnungswesen und Innenausstattung und zwischen 1933 und 1936 Generalsekretär des Internationalen Verbandes für Wohnungswesen in Frankfurt. In den Jahren 1927-1931 war er bei Ernst May an der Ausführungsplanung der Siedlung Römerstadt und der Siedlung Westhausen in Frankfurt beteiligt. 1933/1934 plante er zusammen mit Edmund Fabry und Wilhelm Hirsch das Opelbad in Wiesbaden, das terrassenartig auf dem nach Süden abfallenden Hang des Nerobergs liegt und, ebenso wie die Frankfurter Siedlungsprojekte, der Formensprache des "Neuen Bauens" folgt. 1933 kehrte Schuster nach Wien zurück.
1937 wurde er Leiter der Fachklasse für Architektur an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und wurde 1950 dort zum Universitätsprofessor berufen. Von 1952 bis 1957 war er Leiter der Forschungsstelle der Stadt Wien für Wohnen und Bauen.
Werke
• 1920-1921: Siedlung in Pössneck (Assistenz Tessenow)
• 1921-1922: Gartenstadt Hellerau (Assistenz Tessenow)
• 1921: Siedlung Südost, Wien 10, (mit Franz Schacherl)
• 1921: Kriegerheimstätte Hirschstetten, Wien 23 (mit Georg Karau, Adolf Loos, Franz Schacherl)
• 1923-1924: Siedlung Am Wasserturm, Wien 10 (mit Franz Schacherl)
• 1924: Schutzbundsiedlung, Knittelfeld (mit Franz Schacherl)
• 1924: Winarskyhof bzw. Otto-Haas-Hof, Wien 20 (mit Josef Hoffmann, Josef Frank, Oskar Strnad, Oskar Wlach, Adolf Loos, Margarete Schütte-Lihotzky, Karl Dirnhuber, Peter Behrens)
• 1924-1926: Siedlung Neustraßäcker, Wien 22 (mit Franz Schacherl)
• 1926-1927: WHA d. Gem. Wien Karl-Volkert-Hof, Wien 16 (mit Franz Schacherl)
• 1927-1929: Siedlung Römerstadt, Frankfurt am Main (Ausführungsplanung bei Ernst May)
• 1929-1931: Siedlung Westhausen, Frankfurt am Main (Ausführungsplanung bei Ernst May)
• 1929-1931: Montessori-Kindergarten, Wien 1
• Gemeindebau, Linke Wienzeile, Wien
• Siedlung Siemensstraße, Wien
• 1933-1934: Opelbad, Wiesbaden (mit Edmund Fabry und W. Hirsch)
• 1947-1951: Per-Albin-Hanson-Siedlung - West, Wien 10, (mit Max. Fellerer, F. Pangratz, S. Simonyund , Eugen Wörle, Weiterbau 1954-1955)
• 1948-1949: Sonderkindergarten Schweizer Spende, Wien 14
• 1951-1957: Wohnhausanlage und Heimstätten für alte Menschen, Wien 12
• 1955-1957: Pensionsversicherungsanstalt, Wien 9
• 1957: Interbau-Bauteil, sog. Zeilen-Hochhaus (dreigeschossiges Wohnhaus), Berlin-Tiergarten (Hansaviertel)
• 1951: Architekturpreis der Stadt Wien
• 1967: Großer Österreichischer Staatspreis
• 1963: Heinrich-Tessenow-Medaille
Veröffentlichungen
• 1927: Ein eingerichtetes Siedlungshaus, (Heft), Frankfurt am Main, Englert und Schlosser
• 1928: Eine eingerichtete Kleinstwohnung, (Heft), Frankfurt am Main, Englert und Schlosser
• 1929: Ein Möbelbuch, Frankfurt am Main
• 1931: Kleinwohnungen zu tragbaren Mieten
• 1948: Der Stil unserer Zeit. Die fünf Formen des Gestaltens der äußeren Welt des Menschen. Ein Beitrag zum kulturellen Wiederaufbau, Wien, Schroll
• 1949: Grundlagen des Treppenbaus. Entwurf, Konstruktion und Gestaltung, Stuttgart, Julius Hoffmann Verlag