Gebäude 18

EGON EIERMANN
Bartningallee 2-4, "Zeilen"-Hochhaus

Das von Egon Eiermann als Stahlbeton-Konstruktion erbaute neungeschossige Wohngebäude macht gegenüber der nördlichen Punkthaus-Reihe den Anfang der acht- bis zehngeschossigen Gebäude-Scheiben, deren Band sich in südwestlicher Richtung bis zum südlich an der Straße des 17. Juni abschließenden Punkthaus von Müller-Rehm und Siegmann erstreckt. Besondere raumbildende Wirkung entfalten diese Gebäude dadurch, dass sie rechtwinklig oder versetz zueinander angeordnet sind. Der Baukörper ist zwischen die beiden Erschließungskerne an den Stirnseiten des Gebäudes gestellt.
Der Treppenraum ist als umlaufendes Glaselement erkennbar und setzt den ein Geschoss höheren Aufzugsturm vom Gebäude ab. Eine Besonderheit ist das Erschließungssystem. So werden die Wohnungen von je zwei Geschossen durch einen gemeinsamen Flur in der unteren Etage erreicht. Auf der Westseite dieses Flures liegen die in diesem Geschoss einseitig orientierten Wohnungen. Hier zweigt auch der Antritt ab für die einläufigen, fensterlosen, ins nächste Geschoss führenden Treppen, die jeweils zwei Wohnungen erschließen. Da es keinen Keller gibt, sind auf der Ostseite des Flures die Abstellräume für die Wohnungen beider Etagen untergebracht. Dazwischen befinden sich sechs Nischen mit geschosshohen Fensterelementen zur Belichtung und Belüftung der Flure.

Die Wohnetagen sind auf einem zurückgesetzten Erdgeschoss aufgelagert, in dem sich Gewerbe- und Technikräume befinden.
Außen an beiden Längsseiten ist jeweils eine Reihe mit tragenden Stahlbetonscheiben angeordnet. Das gesamte Wohnungsangebot besteht aus Ein- und Zweizimmerwohnungen. Die Einzimmerwohnungen liegen auf der Ebene der Erschließungsflure. Die Wohnungen in den oberen Etagen sind durchgesteckte Zweizimmerwohnungen.
Alle Küchen und Sanitärräume sind innenliegend, haben also keine Fenster.
Sämtliche Wohnungen sind auf der Westseite mit einer Loggia versehen, die über die gesamte Wohnungsbreite reicht. Die Westfassade zeigt eine offene, gleichmäßige Regalstruktur. Diese wird differenziert durch transparente Stahlbrüstungselemente und überlagert von einem orthogonalen, versetzt angeordneten Rohrsystem zur Befestigung von Sonnenschutzelementen und Rankhilfen.
Die Ostfassade besteht aus Stahlbetonrahmen, in welche mit Keramikfliesen verkleidete Platten, geschosshohe Fensterelemente und Fensteroberlichter bündig eingepasst sind. „Flurgeschoss" und „Wohnungsgeschoss" sind an der Fassade ablesbar.

EGON EIERMANN
Egon Eiermann (* 29. September 1904 in Neuendorf bei Berlin; † 19. Juli 1970 in Baden-Baden) war einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Außerdem war er als Möbeldesigner tätig.

Ausbildung und erste Erfolge
Nach dem Architekturstudium an der TH in Berlin bei Hans Poelzig 1923 bis 1927, ging Egon Eiermann in das Bauatelier der Rudolph Karstadt AG in Hamburg und anschließend zu den Berliner Elektrizitätswerken.
Ab 1931 entwarf er in einem zusammen mit Fritz Jaenecke gegründeten Büro zunächst diverse Wohnhäuser in Berlin und Umgebung. Die Auftragslage verbesserte sich dabei rapide. Jaenecke stieg 1934 wegen persönlicher Differenzen mit Eiermann aus. Ab 1938 plante das Büro nun Fabrikgebäude, z. B. für die Auergesellschaft in Berlin (1938), die Total-Werke Foerstner & Co. in Apolda (1939-1942), die Fa. Märkischer Metallbau in Oranienburg (1939-1941) und die Rickmerswerft in Bremerhaven (1940-1941). Zum Ende des Zweiten Weltkrieges entwarf Eiermann ein Ausweichkrankenhaus in Beelitz-Heilstätten bei Berlin.

Nachkriegszeit
Da sich Eiermann im nationalsozialistischen Deutschland vorrangig dem Industriebau widmete, konnte er sich unbehelligt weiter stilistisch in einer modernen Richtung entwickeln. Er setzte seine Architektur, die Leichtigkeit und Frische vermittelte und Fortschritt symbolisierte selbst bei Rüstungsbetrieben, wie z. B. der Rickmerswerft in Bremerhaven ohne politische Bedenken um. Durch diesen geschickten Opportunismus gelang es ihm seine Karriere ungehindert im Nachkriegsdeutschland fortzusetzen und machte ihn schließlich zu einem der einflussreichsten Architekten seiner Zeit. 1947 folgte er einem Ruf an den Lehrstuhl für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
Seine in Stahlskelettbauweise ausgeführten Industriebauten erlangten in den Jahren des Wiederaufbaus Vorbildcharakter: 1949 bis 1951 zum Beispiel entstand die Taschentuchweberei in Blumberg, eine klar gefügte Fabrikanlage, für die er den Hugo-Häring-Preis erhielt.
Auf Studienreisen in die USA lernte er 1950 Walter Gropius, Marcel Breuer und Konrad Wachsmann kennen, 1956 auch Ludwig Mies van der Rohe. Er realisierte 1958 mit Sep Ruf für die Brüsseler Weltausstellung den „Deutschen Pavillon“, eine Pavillongruppe aus acht eleganten, transparenten Glaskuben.
Für die Neckermann Versand AG entwarf er den Neubau der Firmenzentrale in Frankfurt am Main, ein 300 Meter langes, sechsstöckiges Versandhaus (1958-1961).
Er gewann den für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin ausgeschriebenen Wettbewerb (1959-1963). Auf einer durch Stufen abgehobenen Plattform nehmen ein achteckiger Hauptbau und ein achteckiger, schlanker Turm die historische Turmruine in die Mitte. Die deutsche Botschaft in Washington, D.C. (1959-1964) konzipierte er als terrassenförmige Anlage für 140 Angestellte, die der Geländeform Rechnung trägt.
1967 entsteht unter Eiermanns Leitung ein Anbau für das Hotel Prinz Carl in Buchen (Odenwald). Dieser Bau ist heute noch einschließlich der selbstentworfenen Zimmer und Einrichtungen erhalten und in Betrieb. Das Abgeordneten-Hochhaus des Bundestags Langer Eugen in Bonn (1965-1969) zeigt die charakteristische filigrane Struktur Eiermanns.

Architektur.
Markante Verwaltungsbauten der letzten Schaffensperiode sind die Büropavillons für IBM in Stuttgart (1967-1972) sowie die auf trichterartigen Betonpfeilern erhobenen Hochhaustürme der Firma Olivetti in Frankfurt am Main (1968-1972), die erst zwei Jahre nach seinem Tod fertiggestellt wurden.
In Baden-Baden kann man zwei Häuser von ihm sehen: Sein eigenes Wohnhaus (Krippenhof 16-18) und das Haus von Graf Hardenberg (Hermann-Sielcken-Str. 47).
Ein weniger erfreulicher Aspekt in Eiermanns Biografie ist seine Tätigkeit für die Horten AG in Stuttgart. Dort war er mitbeteiligt an einem Kaufhausneubau an der Stelle des berühmten Kaufhauses Schocken von Erich Mendelsohn. Um seinen eigenen Bau zu realisieren, nahm er einen Abriss dieses architektonischen Jahrhundertwerks trotz massiver Proteste in der Bevölkerung in Kauf. Der Neubau für Horten war eines der ersten Gebäude mit einer vorgesetzten ornamentalen Fassade, die das Gebäude nahezu vollständig bekleidet, Maßstäblichkeit vermissen lässt und stadträumlich als Fremdkörper wirkt. Da sich mit diesen „Hortenkacheln“ die Gebäudegrundrisse sehr flexibel und mit einem Höchstmaß an Stellfläche durch die Vermeidung von Fenstern ausbilden lassen, fand dieses Fassadensystem in den Folgejahren viel Anklang beim Neubau von Kaufhäusern. Es ist auch als früher Versuch zu werten, durch bauliche Vereinheitlichung und Ornament eine Corporate Identity aufzubauen.
Egon Eiermanns Architektur und Werk zeichnet sich insgesamt durch Einfachheit, strenge Geometrie und unmittelbare Erkennbarkeit der Funktion aus.
Anlässlich seines 100. Geburtstags erschien im September 2004 eine Sonderbriefmarke der Bundesrepublik Deutschland (Nennwert 100 Eurocent).