Gebäude 40

Unité d'Habitation - Corbusier
17geschossiges Wohnhaus „Typ Berlin"
Architekt: Le Corbusier, Paris

Die Wohneinheit (Unité d´Habitation), die Le Corbusier in Berlin baute, ist 135 m lang, 23m breit und 56 m hoch. 527 Wohnungen werden in den 17 Wohngeschossen des Gebäudes gewonnen. Diese Größe des Baukörpers schloss seine Errichtung im Hansaviertel aus, da die städtebauliche Ordnung des neuen Stadtteils gestört worden wäre. Berlin stellte daher das sogenannte Heilsberger Dreieck, ein städtisches Grundstück zwischen dem Olympiastadion und der großen Ausfallstraße nach Westen, der Heerstraße, zur Verfügung. Das Baugelände liegt auf einer sanften, aber doch die Umgebung überragenden Anhöhe inmitten eines ausgedehnten Villenviertels mit landschaftlichem Charakter. Le Corbusier hat nach langen Studien und Berechnungen ein eigenes System von Raummaßen, den ,,Modulor", entwickelt, der seinen Ausgangspunkt im Goldenen Schnitt und in den menschlichen Körpermaßen hat. Nach dem ,,Modulor" sind die beiden bekanntesten Häuser von Corbusier, in Nantes und Marseille, gebaut.
Die ersten Pläne, die Le Corbusier in Berlin vorlegte, sahen wie in Nantes und Marseille, ausgehend von den Maßen des Modulors, eine lichte Raumhöhe von 2,26 m vor. In Berlin war man jedoch nicht der Ansicht, daß dieses Maß ohne weiteres auf hiesige Verhältnisse übertragen werden könne. Man hatte auch einige abweichende Wünsche zu Größe und Schnitt der Wohnungen. In Verhandlungen, die Vertreter Berlins mit Le Corbusier geführt haben, hat der Architekt die Einwände gegen die vorbehaltlose Übertragung seines Systems auf Berlin als berechtigt anerkannt und daher ein Haus entworfen, das er selbst ,,Typ Berlin" nennt. Darin sind alle Räume 2,50 m hoch und 4 m breit (5,66 m in den französischen Unitás d'Habitation). Ein weiterer Gesichtspunkt wurde berücksichtigt: die Berliner Bauverwaltung lehnt das Wohnhochhaus an bestimmten Stellen der Stadt nicht grundsätzlich ab, meint aber, dass es weniger für große Familien als für Alleinstehende und kinderlose Ehepaare geeignet sei. Daher werden abweichend von den Le-Corbusier-Häusern in Nantes und Marseille im “Typ Berlin“ meist kleine und entsprechend viele Wohnungen gewonnen. So haben 428 von den insgesamt 527 Wohnungen nur ein und zwei Zimmer.

Konstruktion: Das Gebäude steht auf 7 m hohen Pfeilern, die auf Stampfbetonfundamenten gegründet sind. Die Freifläche geht also unter dem Hause hindurch. Die Decken und der sich im nördlichen Drittel befindliche Fahrstuhlturm sind in Beton ausgeführt. Die Wohnungstrennwände bestehen aus Betonfertigteilen, die auf der Baustelle gegossen worden sind. Wärme- und schalldämmende 8 cm dicke Gipsplatten bilden die Zwischenwände der Wohnungen. Um die Massivdecken gut zu isolieren, werden sie mit Kokosfaserplatten, einer 2,5 cm dicken Asphaltschicht (schwimmender Estrich) und schließlich mit Korklinoleum belegt.

Gliederung: Neun Innenstraßen (rues intérieures), die in der Mitte des Hauses liegen, durchziehen es in seiner ganzen Länge. Sie liegen in den Etagen 1, 3, 5, 7, 8, 9, 10, 13 und 16. An diese künstlich beleuchteten Innenstraßen, in deren Höhe die Fahrstühle halten, sind die Wohnungen angeschlossen.
Ausgangsbasis für die 527 Wohnungen bilden drei Standardzellen, deren Kombination eine Vielzahl von Wohnungstypen ermöglicht. Zur ersten Zelle gehören der Wohnungseingang von der Innenstraße, ferner die Küche und der Wohnraum. Die zweite Zelle umfasst Elternzimmer, Bad und WC. Die dritte Zelle schließlich enthält einen weiteren Raum, das Arbeits- oder Kinderzimmer. Alle Wohnungen mit mehr als einem Zimmer erstrecken sich über zwei Ebenen. Bei diesen Doppelgeschosswohnungen, die also eine Treppe innerhalb der Wohnung haben, liegt die Zelle mit Küche und Wohnraum immer in Höhe des Eingangs an der Innenstraße, Eltern- und Kinderzimmer stets entweder ein Geschoss über oder unter dem Eingangsgeschoss. Sie nehmen die ganze Breite des Ost-West orientierten Hauses ein, so dass sie Licht und Sonne von beiden Seiten bekommen. Der Wohnraum, der direkt an die Küche anschließt, ist von dieser durch einen halbhohen Schrank getrennt, über dem sich eine Glaswand befindet. Alle Küchen sind mit Einbaumöbeln ausgestattet. Die Ein- und Zweizimmerwohnungen haben einen Balkon, die Dreizimmerwohnungen zwei Balkone. Das Haus hat einen Haupteingang, der im nördlichen Drittel, in den Fahrstuhlturm führt, und vier Nebeneingänge. In dem Fahrstuhlturm liegen neben dem Treppenhaus ein Lastenfahrstuhl und zwei Personenaufzüge.

Das System der Installationen ist so konzentriert und rationalisiert, dass das Gebäude nur jeweils an einer Stelle an das öffentliche unterirdische Versorgungsnetz angeschlossen ist. Dazu wurde ein Versorgungsgeschoss“ geschaffen, das unter dem 1. Geschoss, zwischen den Stützen, eingehängt ist. Darin sind in einem Ringzug die großen, horizontal verlaufenden Sammelleitungen vereinigt. Senkrechte Steigleitungen führen von dort aus, in schornsteinähnlichen Schächten offen verlegt, in die oberen Geschosse. Küchen, Bäder und WCs sind an eine zentralgesteuerte Entlüftungsanlage angeschlossen, die die Luft ständig im Umlauf hält. Zu dem Haus gehört eine eigene Versorgungszentrale, die nördlich des Eingangs am Fahrstuhlturm liegt. Hier wird in einer Schwerölheizung die Wärme für Heizung und Warmwasser gewonnen, und ein eingebautes Kraftwerk deckt den hauseigenen Strombedarf, der sich auf 1 Million kW beläuft. Man gewinnt also unabhängig vom öffentlichen Netz, die elektrische Energie zum Betrieb der Fahrstühle, Entlüftung, Druckerhöhungsanlage und Pumpen sowie den Strom, um Treppenhäuser und Innenstraßen zu beleuchten. Im obersten Geschoss liegt eine Waschanlage mit vier Maschinensätzen.

Ständiger Mitarbeiter von Le Corbusier: André Wogensky (Paris)
Örtliche Bauleitung: Architekt Baurat Felix Hinssen (Berlin)
Dr.-Ing. Erich Böckler (Berlin)
Oberingenieur: Fritz Eske (Berlin)
Prüfingenieur: Dr.-Ing. Hannemann (Berlin)
Pläne für die Gartengestaltung: Le Corbusier