Gebäude 41

Die Kongresshalle - Stubbins
Architekt: Hugh A. Stubbins, Cambridge, Massachussets, USA
Mitarbeiter: Werner Düttmann und Architekt Franz Mocken, Berlin

Der Grundstein der ehemaligen Berliner Kongresshalle und des jetzigen Hauses der Kulturen der Welt trägt den Namen eines amerikanischen Wissenschaftlers und Staatsmannes, der als einer der bedeutendsten Vorkämpfer für Freiheit und Menschenrechte in die Geschichte eingegangen ist: Benjamin Franklin. Nach dem Willen des Bauherrn soll diese Kongresshalle mehr sein als nur ein Zeugnis moderner Architektur und kühnen Ingenieurgeistes, nämlich ein Symbol der Freiheit und Menschenwürde, eine Stätte der freien Rede.
Die Halle ist der Beitrag der Vereinigten Staaten zur „Internationalen Bauausstellung Berlin 1957“. Ihr Bauherr ist ein amerikanisch-deutsches Gremium, die Benjamin-Franklin-Stiftung, die eigens für die Erfüllung dieser Aufgabe ins Leben gerufen worden ist.

Für den Bau am Nordostrand des Tiergartens, unweit der Ruine des Reichstagsgebäudes, war eine Pfahlgründung erforderlich. Insgesamt sind dazu 500 je 10 m lange Stahlbetonpfähle mit einer Tragfähigkeit von je 50 t in den Boden gerammt worden. Die beiden Hauptwiderlager, auf denen Dach und Stützen des Auditoriums ruhen, wurden auf 260 Bohrpfählen errichtet, von denen jeder 100 t trägt.
Das Gebäude hat eine annähernd quadratische Grundfläche von 92 x 96 m. Der Hauptzugang liegt im Süden auf der Tiergartenseite. Er führt in die zweigeschossige Empfangshalle. Um diese Halle als Zentrum des Erdgeschosses ist eine Reihe von Räumen und Sälen gruppiert. lm Westen liegt eine Ausstellungshalle mit fast 1000 qm Fläche, der ein Ausstellungsgarten vorgelagert wird. Daran schließt sich, ebenfalls noch auf der Westseite des Gebäudes, ein Studiotheater mit 400 Plätzen an. Nach Osten weisen Räume für die Hausmeisterei und die Technik. Hier wird auch eine Snack-Bar eingebaut. lm Südteil des Gebäudes sind Verwaltungszimmer und ein Konferenzsaal für 200 Personen vorgesehen. Dieser wird klimatisiert und mit der gleichen fünfsprachigen Dolmetscheranlage ausgestattet, die man auch im Auditorium installiert. Dem Haupteingang gegenüber liegt ein Restaurant, das sich über zwei Geschosse erstreckt. Eine große Glaswand gibt von hier aus die Aussicht nach Norden auf den Park und die Spree frei. Ein Raum im Erdgeschoss ist für das hauseigene Postamt reserviert.
Der „Verteiler“ in dem Gebäude ist das Zwischengeschoss, das sowohl von der Empfangshalle als auch durch mehrere Zugänge von außen aus zu erreichen ist. So führen Rampen von der Bootsanlegestelle an der Spree von den Parkplätzen im Osten der Halle und auch von Westen her bis auf seine Höhe. Man gelangt also vom Dampfer oder vom Auto aus direkt zu den im Zwischengeschoss untergebrachten Garderoben, von hier aus auf die Plattform sowie über die Treppen oder mit dem Aufzug in das Auditorium.

Um die ganze Halle zieht sich in der Höhe des ersten Geschosses eine begehbare, auf Stahlbetonstützen ruhende Plattform von 92 x 96 m Fläche. Von der Plattform aus, auf der ein Sommer-Café eingerichtet wird, hat man einen Rundblick über den Tiergarten.
Das in leichtem Bogen noch Osten geneigte Auditorium wird von Stahlbetonstützen getragen. Der fensterlose Raum hat bei einer Grundfläche von 1250 qm 1250 Plätze. Er hat vier Zugänge und einen neutralen Quergang, der den Saal in Nord-Süd-Richtung halbiert. Das Podium des durchschnittlich 12 m hohen Auditoriums liegt auf der Ostseite. Es ist durch die Neigung des Fußbodens von allen Seiten aus gut sichtbar. Die Außenwände des Saales sind tassenförmig leicht geneigt.
Das Auditorium ist mit einer fünfsprachigen Simultan-Dolmetscheranlage ausgestattet. An jedem Platz wurde ein Gerät eingebaut, mit dem die Sprache des Redners in beliebiger Lautstärke, in die gewünschte Sprache übersetzt, gehört werden kann. Besondere Bedeutung wird in dem Raum der Akustik beigemessen. Da Musik und Sprache unterschiedlichen akustischen Gesetzen folgen, sind die akustischen Berechnungen hier, der Aufgabe der Kongresshalle entsprechend, ganz auf das gesprochene Wort abgestellt. Der Saal, der zur Vermeidung von Störungen durch Außengeräusche ohne Fenster gebaut worden ist, kann beliebig temperiert und klimatisiert werden.

An der Rückwand des Auditoriums liegen die Dolmetscherkabinen und Räume für die Rundfunk- und Fernsehübertragung.
Seine besondere Note bekommt der Bau durch das für ihn charakteristische geschwungene Dach. Dessen Konstruktion war zum Bauzeitpunkt in Europa einmalig, und selbst verglichen mit den wenigen amerikanischen Vorbildern bedeutete sie damals eine beachtliche Weiterentwicklung.

Das Dach ruht im Westen und Osten auf zwei sich verjüngenden, schräg gestellten Widerlagern aus Stahlbeton, die etwa drei Meter breit und sieben Meter lang sind.
Sie ragen rund zwei Meter über die Plattform hinaus. Hier setzen die beiden je 110 m langen Betonbogen an, zwischen denen sich das Dach neigt. Der fünfeckige Querschnitt der hohlen Betonbogen hat ein größtes Maß von 2 x 2,50 m. Die Scheitelhöhe der Bogen über der Plattform beträgt 18 m. Das Dach steht bis zu 8 m über die Außenwände des Auditoriums über. Es wird aus Spanngliedern mit dazwischengehängter 7 cm starker Ortbetonplatte gebildet. Oberhalb der Auditoriumswände liegt ein innerer Ring. Daran und an den Bögen sind die durchhängenden Spannglieder befestigt, die die Dachhaut tragen. Eine Kork- und Bitumenschicht wird zur Isolierung aufgetragen und darüber wird eine weiß bekieste Spachtelauflage aufgebracht. 64 m beträgt die größte Spannweite der noch Nord und Süd auseinander geneigten Bögen, der Durchhang der Seile zwischen den Bogen beläuft sich auf 5 m.
In allen Räumen der Kongresshalle sind Übertragungsanlagen eingebaut, so dass Reden, die irgendwo im Hause gehalten werden, in jeden anderen Raum und auch nach außen übertragen werden können. Zur technischen Ausstattung gehört ferner ein Wasserwerk, das das für die Heizung und Kühlung erforderliche Grundwasser fördert. Bevor das Wasser in das Röhrensystem geleitet wird, passiert es eine Enteisungsanlage. Das abfließende Wasser speist den vor dem Gebäude liegenden Spiegelsee. Je nach der Jahreszeit und der auf den Raumthermostaten eingestellten gewünschten Temperatur schickt man entweder kühles Grundwasser oder aber in der Ölheizung erwärmtes Wasser in die Röhren der Klimaanlage und reguliert so die Lufttemperatur in dem Gebäude.
Die Kongresshalle ist von allen Seiten von Grünanlagen umgeben. Auf ihrer Südseite liegt der 60 x 90 m große Teich. In seinem Wasser spiegelt sich die Halle. Hier schließt sich der Bogen des Daches optisch zu einem mächtigen Oval.

Statik (Entwurf): Severud, Elstad und Krüger, New York
Statik (Durchführung): Hauptunternehmer für Roh- und Ausbauarbeiten:
Philip Holzmann AG., Wayss & Freytag AG., Grün & Bilfinger AG